Über Holstein

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Holstein

In Deutschland sind über 1,7 Millionen Holsteins und fast 150.000 Red Holsteins im Herdbuch registriert. Deutschland verfügt damit über die größte Herdbuchpopulation weltweit. Darüber hinaus werden in Deutschland etwa 3.800 rotbunte Doppelnutzungsrinder im Rahmen eines eigenständigen Zuchtprogrammes und einer individuellen Zuchtwertschätzung züchterisch betreut.

Planmäßige Zucht begann vor 125 Jahren

Die deutsche Holsteinzucht blickt auf eine sehr lange Tradition zurück. Bereits um 1847 führte der erste Tierschauverein in der Nordseeregion Ostfriesland, einem Gebiet mit begünstigten Weidegründen durch maritime klimatische Verhältnisse, Rinderschauen durch. 1876 wurde das erste Herdbuch gegründet, in dem Leistungsprüfungen und Exterieurbewertungen eingeführt wurden. Noch heute lassen sich viele bedeutende Kuhfamilien, ein Grundpfeiler der erfolgreichen deutschen Zuchtprogramme, lückenlos bis zu den Anfängen der Herdbucharbeit zurückverfolgen.

Größter Rinderzuchtverband Europas in Ostpreußen

Außer in der Nordseeregion entwickelten sich auch in anderen Regionen Deutschlands zahlreiche Herdbuchverbände für schwarzbunte und rotbunte Rinder. Eine bedeutende Region in der Schwarzbuntzucht war vor allem Ostpreußen. Mit 6.000 Mitgliedern und 350.000 eingetragenen Kühen war die 1882 gegründete Ostpreußische Herdbuchgesellschaft bis zu ihrem Untergang in den Kriegswirren des Jahres 1944 der größte Rinderzuchtverband Europas und damals führend in der Entwicklung der modernen Leistungszucht.

Einheitliches Zuchtziel

1891 sperrte Deutschland zum Schutz gegen Maul- und Klauenseuche die niederländische Grenze für die Einfuhr von Vieh. Durch diese Sanktion wurde die Eigenständigkeit der Schwarzbuntzucht in Deutschland maßgeblich gefördert. Um 1920 schließlich erfolgte in allen Regionen Deutschlands eine Vereinheitlichung des Zuchtzieles. Während die deutschen Schwarzbunten bis dahin in den meisten Gebieten als Zweinutzungsrind mit gleicher Betonung auf Milch- und Fleischleistung gezüchtet wurden, erlangte ab jetzt landesweit die Milchleistung ein stärkeres Gewicht. Von diesem Zeitpunkt an trat eine einheitliche deutsche Schwarzbuntzucht in den internationalen Wettbewerb.

Entwicklung zum deutschen Holstein-Rind

1964 wurde für die deutschen Schwarzbunten ein neues Zuchtziel von 6.000 kg Milch mit 4 % Fett bei gleichzeitiger Rahmenvergrößerung festgelegt. Erreicht wurde dieses Ziel durch die Einkreuzung von Holstein Friesians aus Nordamerika. Ursprünglich aus Europa importiert, unterlagen die europäischen Schwarzbunten in den USA seit 1871 einer reinen Selektion auf Milchleistung. Durch den traditionell hohen Fleischverbrauch in den USA hatte sich frühzeitig die Züchtung spezieller Fleischrinderrassen etabliert. Da somit in Nordamerika, im Gegensatz zu den vielseitigen Anforderungen in Europa, kein Bedarf an einem leistungsfähigen Zweinutzungsrind bestand, konnte sich dort sehr schnell eine reine Milchviehrasse aus den europäischen Zweinutzungsrindern entwickeln. Seit 1989 finden sich auf deutschen Zuchtbescheinigungen keine offiziellen Angaben mehr über die Holstein Friesian-Genanteile der jeweiligen Tiere, da zu diesem Zeitpunkt der Holstein-Genanteil der jüngeren Generationen bereits bei annähernd 100% lag. Die deutschen Holsteins und deutschen Red Holsteins werden heute im Bereich Milchleistung auf mindestens 10.000 kg Milch mit 4 % Fett und 3,5 % Eiweiß pro Laktation gezüchtet.

Die Wiedervereinigung Deutschlands: Erfolgreiche Bewährungsprobe für die deutsche Holsteinzucht

Bereits 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, wurden die ostdeutschen Rinderzuchtverbände in den Deutschen Holstein Verband (DHV) integriert. Innerhalb kurzer Zeit gelang die Umstrukturierung der Verbände in moderne Rinderzuchtorganisationen nach westlichem Vorbild. Durch hervorragende Zuchtarbeit und die Umstellung auf das Zuchtziel der deutschen Holsteins konnte im Zeitraum von 1990 bis 2000 eine Leistungssteigerung der ostdeutschen Holstein-Population von über 3.000 kg Milch realisiert werden. Dieser enorme Leistungsanstieg ist vor allem aufgrund der Tatsache bemerkenswert, dass in Ostdeutschland viele Tiere auf Betrieben mit mehreren hundert Milchkühen gehalten werden.

 

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Größte Herdbuchpopulation der Welt

In Deutschland sind über 1,7 Millionen Holsteins und fast 150.000 Red Holsteins im Herdbuch registriert. Deutschland verfügt damit über die größte Herdbuchpopulation weltweit. Darüber hinaus werden in Deutschland etwa 3.800 rotbunte Doppelnutzungsrinder im Rahmen eines eigenständigen Zuchtprogrammes und einer individuellen Zuchtwertschätzung züchterisch betreut.

Sehr hohe Milchkontrolldichte

2,1 Millionen Holsteins und 226.000 Red Holsteins sind der Milchkontrolle angeschlossen (Stand 2018). Die Milchkontrolldichte, wichtiger Parameter für erfolgreiche Zuchtprogramme, ist mit 90 % so hoch wie in keinem anderen Land der Welt.

Unterschiedliche Produktionsbedingungen

Herdengrößen, Herdenmanagement und Umweltbedingungen sind in den verschiedenen Regionen Deutschlands extrem unterschiedlich und stellen mitunter sehr hohe Anforderungen an die Milchkühe. Es gibt sowohl Familienbetriebe mit unter 100 Milchkühen als auch sehr große Produktionsbetriebe mit mehr als 1.000 Tieren.

Große Anzahl Testbullen

Im Jahr 2014 wurden im Rahmen der genomischen Selektion rund 12.000 männliche Kandidaten untersucht, von denen etwa 450 Bullen für die Zuchtprogramme selektiert wurden. Daraus ergibt sich eine Selektionsintensität von 1:40.

Im Jahr 2018 wurden folgende Durchschnittsleistungen der Herdbuchpopulationen erbracht (Quelle: Magazin „milchrind“ Ausgabe 1/2019):

Rasse Kühe Milch Fett-% Fett-kg Eiweiß-% Eiweiß-kg
Holstein 1.701.632 9.666 3,95 382 3,41 329
Red Holstein 158.242 8.909 4,09 364 3,46 309
Rotbuntes Zweinutzungsrind 3.693 7.164 4,29 307 3,59 256

 

In Deutschland sind derzeit 16 lokale Zuchtorganisationen in die Holstein- und Red Holstein-, sowie Fleckvieh- und Braunvieh-Zucht involviert. GGI-SPERMEX GmbH übernimmt dabei zentral die Auslandsvermarktung von 13 Organisationen.

Schlagkräftige Organisationen

Während der vergangenen Jahre haben die meisten Herdbuch- und Besamungsorganisationen ihre Kompetenzen gebündelt und vereinen nun Herdbucharbeit, Zuchtprogramme, Besamung und Vermarktung unter dem Dach größerer Organisationen. Darüber hinaus haben sich GGI-SPERMEX-Mitglieder in den schlagkräftigen, überregionalen Kooperationen TopQ und NOG (Nord-Ost Genetic GmbH & Co KG) zusammengeschlossen. Zur Effizienzsteigerung führen die Kooperationspartner gemeinsam umfangreiche Zuchtprogramme durch. Des Weiteren arbeiten die Partner eng zusammen auf den Gebieten Forschung, Produktentwicklung und wissenschaftliche Analyse der Zuchtprogramme, unter anderem durch die Kooperation innerhalb des Fördervereins Biotechnologieforschung e.V.

Bundesverband Rind und Schwein e.V. (BRS) als Koordinator

Der Bundesverband Rind und Schwein e.V. (BRS) ist der Dachverband der organisierten Holsteinzucht. Zu den Hauptaufgaben des BRS zählen die Harmonisierung der Arbeitsmethoden der Mitgliedsorganisationen, die Festlegung des Zuchtziels, die Durchführung nationaler Schauen und Auktionen, Öffentlichkeitsarbeit sowie die Interessenvertretung der Deutschen Holsteinzucht im Ausland. Der BRS ist außerdem der erste Ansprechpartner im Datenaustausch mit ausländischen Herdbüchern. Eine wichtige Aufgabe des BRS ist die Erfassung von Exterieurdaten für die Zuchtwertschätzung. Hierfür erarbeitet der BRS die Richtlinien, schult die Klassifizierer in seinen Mitgliedsverbänden und überwacht die Datenerhebung.

Über die Dachverbände der jeweiligen Rinderrassen und den Deutschen Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen e.V. (DLQ) sind die Rinderzuchtverbände, die Besamungsstationen, die Embryotransfer-Einrichtungen, die Landeskontrollverbände und Milchprüfringe sowie das Rechenzentrum in Verden beim BRS angeschlossen – also die gesamte organisierte Rinderzucht in Deutschland.
Mit knapp 12,3 Millionen Rindern auf 143.000 Betrieben ist Deutschland einer der größten Produzenten von Milch und Rindfleisch in der Europäischen Union. Die Arbeit des BRS dient der Förderung aller Bestrebungen, die auf die Verbesserung von Zucht, Haltung, Besamung und Embryotransfer bei Rindern sowie auf die Verwertung ihrer Erzeugnisse ausgerichtet sind. Dabei orientiert sich die deutsche Rinderzucht in einem hohen Maß an Merkmalen auf Robustheit, Gesundheit und Fruchtbarkeit der Tiere.

Unabhängige Milchleistungsprüfung

Die 11 deutschen Landeskontrollverbände für Milchleistungsprüfung arbeiten unabhängig von den Zucht- und Besamungsorganisationen und bieten damit die beste Voraussetzung für eine objektive Datenerfassung. Von über 90 % aller deutschen Kühe werden so im Rahmen der Milchleistungsprüfung monatlich Daten nach festgelegten einheitlichen Standards erfasst. Die Milchkontrolldichte in Deutschland ist somit so hoch wie in keinem anderen Land der Welt. Umfangreiche Qualitätssicherungssysteme verhelfen dieser nationalen Milchleistungsprüfung zu einer weltweit führenden Ausnahmestellung.

                                                           

Zentrale Zuchtwertschätzung unter staatlicher Kontrolle

Die Zuchtwertschätzung in Deutschland unterliegt der staatlichen Kontrolle. Im Auftrag der Zuchtorganisationen führt das Rechenzentrum Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (VIT) die bundesweite Zuchtwertschätzung für die Rassen Holstein, Red Holstein, Angler, Jersey, Rotbunt-Doppelnutzung (DN) und Deutsches Schwarzes Niederungsrind (DSN) durch, während die bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) die Zuchtwertschätzung beim Fleckvieh und Braunvieh durchführt. Dort laufen alle Daten der Rinderzucht zentral zusammen. Zudem sorgen das VIT und LfL für eine optimale Datenverknüpfung und „Online-Vernetzung“ aller Organisationen der Rinderzucht.

 

Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit)


Im Rechenzentrum Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit) laufen alle Daten der Milchrinderrassen Holstein, Red Holstein, Angler, Rotbunt-Doppelnutzung (DN) sowie Jersey und Schwarzbunte alter Zuchtrichtung (DSN) zentral zusammen. Auf Basis dieser im internationalen Vergleich in Größe und Qualität einmaligen, zentralen Datenbank führt das vit als unabhängige Institution unter staatlicher Kontrolle die bundesweite Zuchtwertschätzung für diese Rassen durch. Die Liste der Zuchtwerte umfasst alle wirtschaftlich wichtigen Merkmale von der Milchleistung bis zur Melkbarkeit. Die angewendeten statistischen Modelle gehören zu den besten in der Welt.

Detaillierte Informationen zu den Schätzmodellen, Daten und Merkmalen findet man unter www.vit.de.

Milchleistung und Eutergesundheit

Die Milchleistungs- und die Zellzahl-Zuchtwerte werden bereits seit 1997 direkt auf Basis der jeden Monat in den Betrieben gemessenen Tagesleistungen mit Hilfe eines Testtagsmodells geschätzt. Es erfolgt also keine Zusammenfassung oder Hochrechnung zu Laktationsleistungen. Da die Leistungen innerhalb Herde und Tag miteinander verglichen werden, kann eine optimale Korrektur für die Umwelt erfolgen. Da in Deutschland bei jeder Milchkontrolle in jeder Milchprobe neben Eiweiß und Fett auch die Zellzahl bestimmt wird, steht für die Eutergesundheit dieselbe gute Datenbasis zur Verfügung wie für die Milchleistungsmerkmale.

Exterieur

Die Exterieur-Zuchtwertschätzung umfasst alle von der WHFF (World Holstein Friesian Federation) empfohlenen linearen Standardmerkmale sowie zusätzlich das Fundamentmerkmal „Sprunggelenks-Qualität“. Außerdem werden für vier vom Klassifizierer vergebene Komplex-Noten Zuchtwerte geschätzt: Euter, Fundament, Körper, Milchtyp. Im RZE (Relativzuchtwert Exterieur) sowie den vier veröffentlichten Komplex-Zuchtwerten sind jeweils die Informationen aus den linearen Merkmalen und den Noten der Klassifizierung zusammengefasst. Die Auswahl der Testbullentöchter und Vergleichstiere erfolgt zentral durch das vit und betrifft alle Betriebe mit Milchleistungsprüfung. Die Exterieurzuchtwerte basieren damit auf der gesamten Bandbreite der Population und z. B. nicht nur auf Daten aus ausgewählten Herdbuchbetrieben.

Nutzungsdauer

Seit April wird der Zuchtwert für Nutzungsdauer (RZN) basierend auf neun Überlebenszuchtwerten geschätzt, die wiederrum neun Lebensabschnitte repräsentieren. Von der ersten Kalbung bis zur vierten Kalbung werden dabei die hieraus resultierenden 3 Laktationen in je drei Abschnitte unterteilt. So stehen erste reale Überlebensinformationen bereits am 50. Tag der ersten Laktation, der das Ende des ersten Abschnitts kennzeichnet, zur Verfügung. So bekommen alle Bullen zeitgleich mit den ersten töchterbasierten Zuchtwerten für Milchleistung/Zellzahl auch Nutzungsdauerzuchtwerte auf Basis von Töchterinformationen. Analog zu anderen Relativzuchtwerten wird ein RZN für KB-Bullen veröffentlicht, wenn er auf Töchterinformationen (1. Abschnitt 1. Laktation) auf mindestens 10 Betrieben beruht.

Der Gesamtzuchtwert RZG

Im Gesamtzuchtwert RZG werden alle wichtigen Merkmale entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zusammengefasst. Deutschland war 1997 eines der ersten Länder mit einem echten Gesamtzuchtwert, in den Merkmale wie Leistung, Exterieur und die funktionalen Merkmale wie Nutzungsdauer und Fruchtbarkeit einfließen. In der Zusammensetzung des RZG sind die funktionalen Merkmale mit 40 %, das Exterieur mit 15 % sowie die Leistung mit 45 % gewichtet.

Fruchtbarkeit

Die Fruchtbarkeit von Hochleistungskühen ist komplex. Daher werden für insgesamt fünf verschiedene Merkmale aus den Bereichen „Zyklusbeginn nach dem Kalben“ und „Konzeptionsfähigkeit“ Zuchtwerte geschätzt. Diese werden entsprechend der wirtschaftlichen Bedeutung zum RZR (Relativzuchtwert Reproduktion) zusammengefasst. Die Datenbasis umfasst alle Besamungen von allen Kühen und Jungrindern in allen Betrieben mit offizieller Milchkontrolle.

Kalbemerkmale

Für die Kalbeeigenschaften sind immer zwei Aspekte zu berücksichtigen. Der direkte Kalbeffekt (z. B. Größe des Kalbes) und der Effekt der Mutter (z. B. Beckenform der Mutter). Beide Faktoren nehmen im selben Maße Einfluss auf den Geburtsverlauf und sind somit bedeutend für problemlose Geburten. Da es mit Kalbeverlauf und Kälbervitalität (Totgeburtenrate) zwei Informationsmerkmale gibt, resultieren daraus insgesamt 4 Einzel-Zuchtwerte. Kalbeverlauf direkt und Totgeburtenrate direkt werden zum Relativzuchtwert Kalbeverlauf-direkt (RZKd) zusammengefasst, der die Geburtsverläufe der Kälber eines Bullen beschreibt. Die beiden maternalen Zuchtwerte Kalbeverlauf maternal und Totgeburtenrate maternal werden zum Relativzuchtwert Kalbeverlauf-maternal (RZKm) zusammengefasst, der die Kalbeeigenschaften der Töchter eines Bullen beschreibt.

Weitere funktionale Merkmale

Zusätzlich zu den vorgenannten und im Gesamtzuchtwert gewichteten Merkmalen werden für die weiteren funktionalen Merkmale Zuchtwerte ausgegeben:
• Melkbarkeit (aus gemessenem Milchfluss und Bewertung durch den Besitzer)
• Temperament (Bewertung durch den Besitzer)
• Persistenz (aus der Laktationskurve)
• Body Condition Score

Relativzuchtwerte

Alle Zuchtwerte – außer Milchleistungsmerkmale – und zusammenfassende Indizes werden als Relativzuchtwerte veröffentlicht. Dadurch sind sie über alle Merkmale direkt miteinander vergleichbar und die höhere Zahl gibt das züchterisch Erwünschte an. Die Skala für alle Relativzuchtwerte hat 100 als Mittel und eine genetische Streuung (Standardabweichung) von 12 Punkten.

Fitness

Seit August 2009 hat das vit einen zusammenfassenden Fitness-Index, den RZFit, geschätzt und veröffentlicht. Der RZFit umfasste die Merkmale Töchterfruchtbarkeit (RZR), Kalbemerkmlae maternal (RZKm), Fundament, Nutzungsdauer (RZN), Eutergesundheit, Euter und Milchleistung (RZM), welche deutlich zugunsten der funktionalen Merkmale gewichtet waren. Gemeinsam ist diesen Merkmalen, dass sie Aspekte beschreiben, die Rückschlüsse auf eine gute Fitness zulassen. Abgelöst wir der RZFit im April 2019 von dem neu entwickelten RZGesund, in den Merkmale einfließen, die direkte Rückschlüsse auf die Gesundheit/Fitness erlauben.

RZKälberfit

In Ergänzung zu den neuen Gesundheitszuchtwerten sowie dem schon existenten Zuchtwert zur Totgeburtenrate ist es nun aufgrund der umfassenden Datengrundlage gelungen, einen Zuchtwert für die Fitness bzw. Vitalität von Kälbern in der Aufzuchtperiode zu entwickeln. Basierend auf den Daten von ca. 8 Millionen weiblichen Kälbern, die seit 2006 geboren wurden, beschreibt der neue RZKälberfit die genetisch bedingte Fähigkeit, die Aufzuchtperiode von Tag 2 bis zu einem Alter von 15 Monaten zu überleben. Betrachtet werden hierbei ausschließlich weibliche Kälber, da männliche Kälber in der Regel vom Geburtsbetrieb nach gut 14 Tagen zur Mast verkauft werden. Da die Abgangsursache in den verschiedenen Altersabschnitten auf unterschiedliche Krankheiten zurückzuführen ist, wird im Schätzmodell zwischen fünf Altersabschnitten (Tag 3-14, 15-60, 61-120, 121-200, 201-458) unterschieden. Dargestellt wird der RZKälberfit auf der üblichen Relativ-Skala mit 100 als Mittelwert und einer genetischen Streuung von 12. Die Sicherheit des rein genomischen RZKälberfit beträgt 51 %.

RZGesund

Ab April 2019 wird für jeden Bullen der neue Zuchtwert RZGesund veröffentlicht, der aus den vier Komplexzuchtwerten RZEuterfit, RZKlaue, RZRepro und RZMetabol zusammengefasst wird. RZEuter erhält hierbei mit 40 % das höchste Gewicht, da ein relativ hoher Anteil der Kühe im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Mastitis hat und die Kosten je Mastitiserkrankung hoch sind. Der zweitwichtigste Komplex ist die Klauengesundheit, weshalb der RZKlaue mit 30 % gewichtet wird. Der RZRepro fließt mit 20 % ein und der Komplex zur Stoffwechselstabilität, RZMetabol, erhält zunächst 10 % Gewicht. Die vier Komplexzuchtwerte ihrerseits enthalten wiederrum unterschiedlich gewichtete Einzelmerkmale, die Sie der unten stehenden Tabelle entnehmen können.

Komplex

Merkmal

Index- Gewichtung

Gesamt

RZEuterfit

Mastitis Resistenz

100 %

40 %

RZKlaue

DDcontrol (Dermatitis digitalis/Mortellaro)

30 %

20 %

Klauengeschwüre

15 %

Panaritium

15 %

Weiße Linie Defekt

15 %

Klauenrehe

15 %

Limax/Zwischenklauenwulst

10 %

RZRepro

Zyklusstörungen

50 %

15 %

Endometritis/Metritis

25 %

Nachgeburtsverhalten

25 %

RZMetabol

Labmagenverlagerung

40 %

25 %

Milchfieber

30 %

Ketose

30 %

RZGesund

 

 

100 %

 

 

Robotereignung

Der Zuchtwert für Robotereignung, RZRobot, wird seit August 2014 veröffentlicht. Er wurde speziell für Betriebe mit automatischen Melksystemen entwickelt, um dort die spezifische Bullenauswahl zu erleichtern. Der RZRobot setzt sich aus den Merkmalen Melkbarkeit (≥ 94), Zellzahl, Fundament, Euter, Strichplatzierung hinten (≤ 106) und Strichlänge (≥ 94) zusammen. Diese sechs Merkmale fließen mit unterschiedlichen Gewichtungen in den RZRobot ein. Für die Merkmale Melkbarkeit, Strichplatzierung hinten und Strichlänge wurden die in den Klammern aufgeführten Mindestanforderungen definiert. Des Weiteren wurde festgelegt, dass der RZRobot nur ausgewiesen wird, wenn er ≥ 100 ist, um zu gewährleisten, dass der Bulle sich auch positiv auf die Robotereignung seiner Töchter auswirkt.

Genomische Zuchtwerte

Seit August 2010 sind genomische Zuchtwerte für Holstein (schwarzbunt und rotbunt) in Deutschland offiziell und etabliert. Die bisherige reine Bullenlernstichprobe wird von der EuroGenomics-Lernstichprobe gebildet und beinhaltet über 35.000 sicher töchtergeprüfte und gleichzeitig genotypisierte Bullen, davon ca. 13.000 mit Töchtern in Deutschland.
Zur Zuchtwertschätzung im April 2019 wird von der reinen Bullenlernstichprobe auf eine gemischte Lernstichprobe umgestellt, in die dann über 38.000 Bullen und 150.000 Kühe einfließen. Die Qualität und Unverzerrtheit der deutschen genomischen Zuchtwerte selbst im sehr hohen Bereich wird nicht nur durch die ICAR-/Interbull-Validierung bestätigt, sondern auch durch inzwischen fast 2.000 Bullen mit vormals offiziellen nur-genomischen Zuchtwerten, aber inzwischen klassischen Zuchtwerten auf Basis von über 100 Töchtern. Informationen zur genomischen Selektion finden Sie unter www.ggi.de – Holsteinzucht – Genomische Selektion.

Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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Die Deutsche Holsteinzucht zeichnet sich durch sehr vielseitige Zuchtprogramme mit unterschiedlichen Schwerpunkten aus. Dadurch wird nicht nur ein außergewöhnlich breites Angebot garantiert, sondern auch eine sehr große Variation der eingesetzten Blutlinien.

Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter eG (VOST): Bewährte Kuhfamilien und hohe Sicherheit

Das offene Zuchtprogramm des VOST nutzt die besten Holsteinzuchten weltweit und selektiert nach eigenen unabhängigen Vorgaben. Im Vordergrund stehen langlebige, tiefe Kuhfamilien als Grundlage für einen erfolgreichen Zuchtfortschritt. Das Hauptselektionsgebiet für das Zuchtprogramm umfasst die europäischen Regionen entlang der Nordseeküste, von der französischen Bretagne im Süden bis nach Dänemark im Norden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem ostfriesischen Zuchtgebiet mit seinen tiefen, traditionellen und über Generationen gezüchteten Kuhfamilien. Das Ziel sind langlebige, gesunde Kühe, mit bestem Exterieur. Jährlich werden etwa 45 bis 50 Holstein- und 2 bis 3 Red-Holstein-Vererber getestet.
Erfolgreiche Vererber der letzten Jahrzehnte waren Lukas, Minister, Black, Bob, Lentini RF, Louvre, Lasso oder Derby.

NOG Nord-Ost Genetic GmbH & Co KG (NOG: RBB, RinderAllianz, MAR und RSH)

Mit Wirkung vom 1. Juli 2012 haben die Gesellschafter der NOG NORD-OST Genetic GmbH & Co KG beschlossen, ihre Zuchtprogramme zukünftig über die NOG zusammen zu führen.

Kernpunkte der Vereinbarung sind die gezielte gemeinsame Selektion geeigneter Genetik, die verstärkte Anwendung moderner biotechnischer Methoden sowie die effektive Nutzung der Spitzenbullen durch einen verstärkten Spermaaustausch und eine Anpassung der Bullenbestände der Gesellschafter. Die gesamte Selektionsarbeit in den Zuchtgebieten der NOG-Partner wird nach einheitlichen Selektionskriterien von den jeweiligen Zuchtorganisationen durchgeführt. Die Vertragsbedingungen der heimischen Züchter für die Unterstützung bei der Durchführung von biotechnischen Maßnahmen sowie dem Ankauf von Bullenkälbern werden weiter vereinheitlicht. Die Koordination der Zuchtprogramme in der NOG gibt uns die Möglichkeit, national und international die besten Jungrinder und Kühe für die Anpaarung auszuwählen. Top-Jungrinder mit hohen genomischen Zuchtwerten können in der Biotechnikstation Nückel intensiv züchterisch genutzt werden. Die Selektionsarbeit in auswärtigen Zuchtgebieten wird in der NOG koordiniert und von den jeweils zuständigen Sire Analysten für alle NOG-Partner durchgeführt.

Alle für den Ankauf ausgewählten Jungbullen werden entsprechend dem Bedarf auf die NOG-Partner aufgeteilt und gehen in das Eigentum der jeweiligen Organisation über. Auch die bisherigen NOG-Bullen werden den NOG-Partnern zugeteilt, sodass die NOG zukünftig keine Bullen mehr halten wird. Durch die Auswahl der Bullenkälber von einer gemeinsamen Ergebnisliste kann der Ankauf hinsichtlich Qualität der Zuchtwerte und Pedigreevielfalt optimiert werden.

Das schon über Jahre bewährte Spermaaustauschprogramm sichert den Züchtern im NOG-Gebiet einen Zugriff auf alle Bullen der NOG-Partner: eine wichtige Voraussetzung für die breite Nutzung der besten Genetik. Mit den genannten Maßnahmen werden die NOG-Partner die Effizienz ihrer Zuchtarbeit verbessern, die züchtungsbedingten Kosten senken und ihren Mitgliedsbetrieben ein qualitativ verbessertes Angebot an genomischen und töchtergeprüften Vererbern zur Verfügung stellen können.

TopQ (Qnetics, RUW): Die Suche nach Spitzengenetik in aller Welt

TopQ ist ein Zusammenschluss der Rinder-Union West eG (RUW) mit der Qnetics GmbH, die die Zuchtgebiete Hessen und Thüringen repräsentiert. TopQ wurde mit dem Ziel gegründet, den Mitgliedsbetrieben der beiden Partner ständig ein Spermaangebot interessanter Holstein-Bullen und Red Holstein-Bullen auf höchstem genetischen Niveau zur Verfügung zu stellen. Die Basis hierfür bildet ein straffes Zuchtprogramm, welches zu einem der größten Programme weltweit zählt. Jährlich werden im TopQ-Verbund etwa 2.000 Holstein-Bullen und 1.000 Red Holstein-Bullen genomisch untersucht. Dabei wird sowohl auf der Vater- als auch auf der Mutterseite die gesamte Bandbreite der international verfügbaren Spitzengenetik genutzt. Die Sire-Analysten der TopQ-Zuchtorganisationen arbeiten gemeinsam an der Selektion. Durch die Aufteilung Deutschlands und der weltweit wichtigsten Genetikmärkte unter den Sire Analysten wird die Intensität der Auswahl erhöht. Für die Auswahl der Bullenväter wird die weltweite Holsteinpopulation regelmäßig intensiv analysiert und unter Berücksichtigung der aktuellsten Zuchtwertdaten eine gezielte Auswahl der Bullenväter unter den besten Vererbern der Weltholsteinpopulation vorgenommen. Auf der weiblichen Seite werden ebenfalls aus dem weltweiten Holstein-Genetik-Pool herausragende Bullenmütter selektiert. Die Auswahl erfolgt mit den modernsten zur Verfügung stehenden Informationsmitteln auf der Basis von genomischen und konventionellen Zuchtwertinformationen sowie allen verfügbaren Leistungsdaten. Sämtliche für das Besamungszuchtprogramm in Frage kommenden Kandidatenbullen werden typisiert und auf Basis ihres genomischen und konventionellen Zuchtwertes selektiert. Die Selektion der weltweit genomisch untersuchten Jungbullen erfolgt kontinuierlich auf der Grundlage des Gesamtzuchtwertes (gRZG) aus dem deutschen genomischen Zuchtwertschätzsystem. Die ausgewählten Bullen müssen zur absoluten Spitze der Population gehören und über ein gutes Allroundvermögen sowie nach Möglichkeit über eine alternative Abstammung verfügen. Die angekauften Jungbullen werden nach einem definierten Regelwerk unter den TopQ-Zuchtverbänden aufgeteilt. Aus diesem intensiven Zuchtprogramm sind international bekannte und bewährte Vererber wie Mascol, Gibor, Tableau, Elburn RDC oder Goldday sowie hohe genomische Jungbullen wie Lexington, Big Point, Sundance oder Label P hervorgegangen.

Deutsche Holsteins der Farbrichtung Schwarzbunt und Rotbunt werden auf hohe Lebensleistung gezüchtet. Ziel ist die wirtschaftliche Leistungskuh in milchbetontem Typ, die durch stabile Gesundheit, Robustheit und gute Fruchtbarkeit über viele Laktationen erhalten bleibt und über ein entsprechendes Entwicklungspotenzial mit hohem Futteraufnahmevermögen und optimaler Futterverwertung verfügt.
Für den Komplex Milchleistung wird ein genetisches Potenzial von 10.000 kg Milch (305 Tage-Leistung) mit einem Fettgehalt von 4 % und einem Eiweißgehalt von 3,5 % angestrebt, um Lebensleistungen von über 40.000 kg Milch zu realisieren.

Ausgewachsene Kühe sollten eine Kreuzhöhe von 145 bis 156 cm sowie ein Gewicht von 650 bis 750 kg erreichen. Ihr Körperbau und ihre Bewegungsmechanik, einschließlich eines korrekten und widerstandsfähigen Fundaments, müssen den Anforderungen einer hohen Leistung und langen Nutzungsdauer entsprechen. Verlangt wird außerdem ein gesundes und gut melkbares Euter, das in Qualität und Funktionsfähigkeit hohe Tagesleistungen über viele Laktationen ermöglicht und die Ansprüche moderner Melksysteme erfüllt.

Über die Vaterseite gewährleistet die deutsche Holsteinzucht mit ihrem 1997 eingeführten Gesamtzuchtwert RZG eine ausgewogene Zucht auf die ökonomisch sowie gesundheitlich relevanten Merkmale Milchleistung, Exterieur, Eutergesundheit, funktionale Nutzungsdauer und Zuchtleistung. Der Gesamtzuchtwert fasst eine Vielzahl von Einzelinformationen zusammen und bietet dem Züchter ein Rangierungskriterium für Bullen, das nicht allein die Milchleistung, sondern auch die funktionalen Merkmalsbereiche entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung berücksichtigt.

 
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Grundlage für die genomischen Bullen der GGI-SPERMEX ist die genomische Selektion. Erfahren Sie unter den folgenden Punkten mehr über die Ziele, Grundlagen und Technik der genomischen Selektion.

Grundlegende Überlegungen zur Tierzucht

Das Ziel der Tierzucht besteht darin, die genetische Veranlagung der Tiere zu verändern und dadurch ihre Eigenschaften zu verbessern. Dabei handelt es sich jedoch nicht um genetische Manipulation am Tier selbst, sondern um eine gezielte Selektion anhand verschiedener wünschenswerter Merkmale. Diese Merkmale waren vor Einführung der genomischen Selektion ausschließlich phänotypischer (gezeigter) Natur. So wurden erbrachte Leistungen und Exterieurmerkmale als Indikatoren für die damit genetisch verbundenen Veranlagungen angenommen und darauf basierend selektiert.
Ein alter Traum der Forschung und Wissenschaft ist es natürlich, direkt aus den Genen der Tiere lesen zu können, ohne dass man die phänotypische Ausprägung abwarten müsste. Diesem Wunsch kommt die genomische Zuchtwertschätzung und Selektion schon sehr nahe.

Bei den verwendeten Markern handelt es sich um sogenannte SNP (Single Nucleotide Polymorphism)-Marker. Sie sind nur einen genetischen Buchstaben lang und es gibt für jeden Marker nur zwei unterschiedliche Varianten in der ganzen Population. Jedes Tier hat die genetische Information in Form eines doppelten Chromosomensatzes; einen Satz vom Vater und einen Satz von der Mutter.

Daraus ergibt sich, dass jeder Marker für ein Tier drei Zustände haben kann:

  • reinerbig Variante AA,
  • reinerbig Variante BB oder
  • Mischerbig AB.

Mischerbig AB bedeutet, dass das Tier vom Vater und Mutter unterschiedliche Varianten bekommen hat.

Es sind viele hunderttausend solcher SNP-Marker beim Rind bekannt. 54.001 davon, die etwa gleichmäßig über das gesamte Genom d.h. alle Chromosomen verteilt sind, können inzwischen in einem relativ preiswerten Laborverfahren in einem Arbeitsgang gelesen werden. Diesen Vorgang nennt man „Typisierung“. Die labortechnische Einheit mit den Tests für die 54.001 Marker nennt man Chip oder 54K-Chip, um die Anzahl der gleichzeitig untersuchten Marker anzugeben. Gebraucht wird für die Typisierung ein wenig genetisches Material des Tieres. Da alle Zellen eines Tieres über Erbmaterial verfügen, kann man Blut (ca. 2 ml) oder auch Sperma (ca. 2 Portionen) verwenden. Auch aus ca. 30 Haarwurzeln kann man genügend Genmaterial für die Typisierung extrahieren. Allerdings ist bei Haarproben die Gefahr der Verunreinigung mit genetischem Material anderer Tiere höher und das Ergebnis könnte verfälscht sein. Das Ergebnis der Typisierung ist 54.001-mal AA oder BB oder AB.

Durch die gleichmäßige Verteilung von sehr vielen Markern über das gesamte Genom geht man davon aus, dass in der Nähe jedes Gens, das die Leistung in einem der züchterisch bearbeiteten Merkmale beeinflusst, mindestens einer der 54.001 Marker liegt. Das bedeutet, dass der Marker fast immer zusammen mit der entsprechenden Variante des Gens vererbt wird. Die Gene und ihre Wirkung kennen wir aber nicht. Damit der genomische Zuchtwert eines Tieres mithilfe seiner Marker geschätzt werden kann, sind daher zunächst bestimmte Vorleistungen nötig.

Um herauszufinden, welche SNPs, also welche Marker, mit welchem Merkmal in Verbindung stehen, müssen zunächst die SNP-Muster mit den sicher bekannten (genetischen) Leistungsveranlagungen von ausgesuchten Tieren verglichen werden. Tiere mit sicher bekannter genetischer Leistung sind töchtergeprüfte Bullen sowie typisierte Kühe mit Leistungsdaten. Aus dem Vergleich von SNP-Muster mit genetischer Leistung an diesen Tieren wird ermittelt, welcher SNP wie viel Einfluss auf ein Merkmal hat; d. h. die genomischen Schätzformeln werden so abgeleitet. Je mehr sicher geprüfte Lernstichprobentiere man für diese Formelableitung zur Verfügung hat, desto besser kann man die Zuordnung eines SNPs zu einem Merkmal vornehmen und die Höhe des Einflusses bestimmen. Die geprüften Bullen und typisierten Kühe mitsamt ihren Leistungsdaten, die in diese Analyse einbezogen werden, bilden die sogenannte „Lernstichprobe“. Die Umstellung von der reinen Bullenlernstichprobe auf eine gemischte Lernstichprobe aus Bullen und Kühen erfolgt zur Zuchtwertschätzung im April 2019. Die an der Lernstichprobe abgeleiteten genomischen Schätzformeln werden anschließend zur Berechnung der genomischen Zuchtwerte von beliebigen anderen (jüngeren) Tieren noch ohne eigene sichere konventionelle Zuchtwertinformation verwendet.

Exkurs gemischte Lernstichprobe


Die Basis der ursprünglichen reinen Bullen-Lernstichprobe bildeten Bullen, die noch über das Testbullenverfahren aufgrund ihres Pedigreezuchtwertes ausgewählt wurden und dann ihren Testeinsatz absolviert haben. Die Selektionsintensität war relativ gering und die Bullen bildeten somit die vollständige genetische Varianz ihrer Population ab. Mit zunehmender genomischer Selektion nimmt auch die Selektionsintensität zu und dies birgt die Gefahr einer verzerrten Lernstichprobe, da nur noch die Bullen in den Einsatz gehen, die bereits genomisch vorselektiert sind. So erhält man keinen Querschnitt durch die genetische Bandbreite der tatsächlichen Population mehr und die Einschätzung der Vererbungsleistung von Bullen im Rahmen der konventionellen Zuchtwertschätzung wird schwieriger. Eine sichere konventionelle Zuchtwertschätzung bildet jedoch die Basis für eine sichere genomische Zuchtwertschätzung. Die Lösung für dieses Problem liegt darin, alle weiblichen Kälber in den Milchviehherden zu typisieren, um so eine weitestgehend unselektive und repräsentative Basis zu erhalten. Mit Hilfe des Projektes „KuhVision“ wurde genau dies in die Tat umgesetzt und zahlreiche Herden bereits typisiert. Im April 2019 wird eine Umstellung der bisherigen auf die gemischte Lernstichprobe stattfinden. Die Lernstichprobe wird zu diesem Zeitpunkt über 38.000 Bullen und ca. 150.000 Kühe umfassen.

Sicherheit

Die Sicherheit der genomischen Zuchtwerte hängt in erster Linie von der Größe und Struktur der Lernstichprobe ab. Der Datenumfang und die Sicherheit der konventionellen Zuchtwerte für alle – auch alle funktionalen Merkmale – sind führend in der Welt. Die Größe und Struktur der deutschen Lernstichprobe ist auch durch den Austausch mit den drei europäischen Partnern aus Frankreich, Skandinavien und den Niederlanden weltweit einmalig. Keine andere Lernstichprobe weltweit ist so gut strukturiert, d. h. repräsentiert die gesamte aktuelle Holsteingenetik aus Europa und Nordamerika. Die genomischen Formeln können die Zuchtwerte junger Tiere nur dann sicher abschätzen, wenn deren Genetik (SNP-Muster) über möglichst viele verwandte Tiere in der Lernstichprobe möglichst gut repräsentiert ist. Daher muss die Lernstichprobe auch mit der Populationsentwicklung laufend erweitert und aktualisiert werden. Dies ist mit der Einführung der gemischten Lernstichprobe gewährleistet, da über die weiblichen Tiere die tatsächliche Genetik der aktuellen Population realistisch abgebildet wird.

Die Sicherheiten der ausschließlich auf den genomischen Daten (SNP-Typisierung) beruhenden Zuchtwerte für junge Tiere zeigt die Tabelle in der mittleren Spalte. Dabei ist die angegebene Sicherheit die realisierte Sicherheit; d. h. sie wurde bereits um die in allen genomischen Schätzverfahren beobachtete Überschätzung korrigiert.

  Rel. % P.I. Rel. % dGW Rel. % gZW
RZM 33 % 72 % 75 %
RZS 31 % 73 % 75 %
RZE 30 % 63 % 69 %
RZN 27 % 48 % 53 %
RZR 28 % 45 % 48 %
CEpat. 33 % 41 % 45 %
CEmat. 28 % 40 % 43 %
RZD 28 % 65 % 70 %
Abbildung 1: Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte im Vergleich zur Sicherheit des Pedigree-Zuchtwerts:

CEpat. = Kalbeverhalten paternal
CEmat. = Kalbeverhalten maternal

Kombinierte genomische Zuchtwerte

Aus den Typisierungen (SNP-Mustern) werden für alle Merkmale die direkten genomischen Werte (dGW) berechnet. Für alle Tiere mit bekannter Abstammung liegen aber auch immer weitere d.h. konventionelle Zuchtwertinformationen vor, nämlich immer mindestens der Pedigree-Zuchtwert. Damit auch weiter jedes Tier zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einen Zuchtwert mit der maximalen Informationsmenge und Sicherheit hat, wird nicht der direkte genomische Wert veröffentlicht, sondern der genomisch verbesserte Zuchtwert (gZW) als Kombination aus direktem genomischen Wert und konventionellem Zuchtwert.

Die Gewichtung erfolgt anhand der Sicherheiten der beiden Werte; d.h. für junge Tiere mit konventionell nur Pedigree-Zuchtwert zählt im Wesentlichen der direkte genomische Wert und der unsichere Pedigee-Zuchtwert kann die Sicherheit des genomisch verbesserten ZW (gZW) nur um ca. 3-5% erhöhen (siehe rechte Spalte der Tabelle).
Sobald der konventionelle Zuchtwert durch Töchterinformationen deutlich sicherer als der direkte genomische Wert ist, zählt dieser stärker im kombinierten gZW. Daher unterscheidet sich der kombinierte gZW von töchtergeprüften Bullen meist kaum vom nur konventionellen Zuchtwert.

Was können genomische Zuchtwerte?

Die realisierte Sicherheit der genomisch verbesserten Zuchtwerte junger Bullen ist mit ca. 75% für die Milchleistungsmerkmale bzw. 50% für die Töchterfruchtbarkeit deutlich höher als die Sicherheit des bisherigen Pedigree-Zuchtwerts der Testbullen. Daher qualifizieren junge Bullen mit ihren offiziellen gZW jetzt formal als Vererber und Testbullen im früheren Sinne gibt es nicht mehr.
Der Vergleich mit den Sicherheiten von töchtergeprüften Vererbern (Abb. 2) zeigt aber, dass für die hocherblichen und wichtigen Merkmale Leistung, Exterieur und Eutergesundheit selbst Bullen mit ausschließlich Test-Töchtern in der ersten Laktation höhere Zuchtwertsicherheiten haben.

Obwohl die deutschen genomischen Zuchtwerte aufgrund der Lernstichprobenstruktur und -größe die sichersten im internationalen Vergleich sind, sind die genomischen Zuchtwerte unsicherer als die töchtergeprüfter Vererber. Mit stärkerer Betonung der funktionalen Merkmale hat dabei in den letzten Jahren die Bedeutung der Vererber mit Tausenden von Töchtern aus dem Wiedereinsatz zugenommen, da diese hohe Sicherheiten auch für Merkmale wie Nutzungsdauer und Töchterfruchtbarkeit bieten. Die realisierten Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte für diese funktionalen Merkmale sind mit ca. 50% noch sehr begrenzt. Abbildung 2: Sicherheiten der genomisch verbesserten Zuchtwerte (gZW) junger Bullen im Vergleich zur Sicherheit töchtergeprüfter Bullen

Wem also bisher die Sicherheiten der ersten veröffentlichten Töchterzuchtwerte neuer Vererber noch zu unsicher waren, für den dürften junge nur genomisch geprüfte Bullen keine Alternative sein. Auf der anderen Seite eröffnet die junge Generation der nur genomisch geprüften Bullen auch neue züchterische Möglichkeiten. Beim Einsatz dieser jungen g-Bullen sollte einem die begrenzte Sicherheit aber immer bewusst sein und das Risiko durch den Einsatz mehrerer solcher Bullen gestreut werden. Die Sicherheitsberechnungen und Angaben für genomische Zuchtwerte sind international noch nicht standardisiert. Die Angaben zu den deutschen genomischen Zuchtwerten sind in jedem Fall realistisch und die tatsächliche Qualität der deutschen genomischen Zuchtwerte international führend.
Zur richtigen Einschätzung wird bei den deutschen Zuchtwerten auch weiter neben der Sicherheit in Prozent die Angabe der Töchter mit Leistungsinformation erfolgen, so dass jeder den passenden Vererber vom jungen nur genomisch geprüften Bullen über den aktuellen mit Testeinsatz-Töchtern geprüften Bullen bis hin zum bewährten Wiedereinsatzvererber auf objektiver Grundlage auswählen kann.

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